Berichte von Kirsten Wulf


Die freie Journalistin aus Hamburg lebt & schreibt seit 2003 in Italien. Seit 2009 lebt sie mit ihrem deutschen Mann und zwei italianisierten Söhnen in Genua. In ihrem Blog „Buon giorno Italia", geht’s um das ganz normale Leben in Italien, diesem wundersam paradiesisch verklärten Land. Weiter...

Berichte von Kirsten Wulf (9)
Neulich in Pentema, irgendwo im ligurischen Appenin, eine ziemlich kurvige halbe Stunde vom Meer entfernt: aus dem Tal über einen Pass mit spektakulärer Aussicht gleichzeitig auf Mittelmeer und Seealpen. Dahinter kräuselt sich waghalsig das schmale Asphaltband in scharfen Kurven und wo es endet, dort verkrümelt sich ein Dorf zwischen Wäldern und verwilderten Terrassenfeldern – Pentema...
 

Dieser Tage reiben wir uns die Augen. Es ist, als ob im Fernsehen „Tutti Frutti“ plötzlich durch das „Wort zum Sonntag“ ausgetauscht worden wäre, statt Austern und Schampus gibt’s Brot und Butter und nach der wüsten Party in sturmfreier Bude kommen die Eltern zu früh nach Hause zurück: Schnapsleichen schnarchen noch auf dem Sofa, Bierpullen kullern über’s Parkett, es riecht nach Rauch und Alkohol und anderen unappetitlichen Exkrementen...

 

Die Mehrheit ist dahin, rette sich wer kann. Aber Berlusconi wäre nicht Berlusconi, wenn er schlicht zurücktreten würde. Am Morgen danach, also nach dem "demnächst-bin-ich-dann-vielleicht-mal-weg", drehte Berlusconi eine Runde durch Radio und Fernsehen, in La Stampa konnte man bereits ein erstes Interview lesen...

 

Lassen wir die allerletzten Skandale seit dem Sommer einfach mal liegen – es ging um Korruption und Klüngelei, Zuhälter, Huren und deren „Endverbraucher“ (das Copyright für die Verwendung des Wortes liegt in diesem Zusammenhang bei Berlusconis Anwalt Gheddini), es ist alles nachzulesen in abgründigen Abhörprotokollen und, um es kurz zu machen: der Endverbraucher ist noch immer Ministerpräsident von Italien...

 

Sommer in Italien – und das Leben zerbröselt … Wenn Anfang Juni die Schulferien beginnen, stiert man noch etwas ungläubig in den sommerlichen Abgrund, der sich da drei Monate lang und breit öffnet, dann lässt man sich langsam fallen, fallen, fallen und taumelt im August mit tutta bella Italia ins kollektive Koma am Meer...

 

Italien, im Juni 2011.
1. Berlusconi hat bei den Kommunalwahlen krachend verloren. Die Schuld? Schwache Kandidaten, behauptet der Premier, und tödlich wären auch Talkshows wie Annozero gewesen.
2. Der Fussballverband hat – mal wieder – einen kernigen Wettskandal: Für den gewünschten Endstand einiger Spiele der vergangenen Saison wurden Fussballer bestochen oder bekamen, wie orginell (!), von Kollegen heimlich Schlafmittel verpasst...

 

Wenn heute (29. Mai) um 15 Uhr in vielen italienischen Städten die Wahllokale schließen, dann … die italienische Opposition trommelt schon mal … dann könnte alles anders werden, dann könnte alles möglich sein.  Dann … ja, was? Dann wird es einige neue Bürgermeister geben...

 

… na ja fast. Langsam und unauffällig schlich sich Raphael Gualazzi bei der Punktevergabe von hinten an – er ist einfach zu höflich – und fast hätte er’s noch geschafft! Überrundete die Schnallies aus Schweden und vor allem diesen Angeber mit Michael Jackson Handschuh aus … wo kam er noch her? Raphael Gualazzi, der ja eigentlich und unüberhörbar ein wahrhaftiger Jazzer ist, sass vermutlich hinter der Bühne, guckte sich die schrillen Jungs und Deerns auf der Bühne an und mag sich nur gefragt haben, wo um alles in der Welt er in Düsseldorf gelandet sein mag?

In Italien ist sein furioser zweiter Platz den Sonntagszeitungen zwar kaum eine Schlagzeile wert, aber die muntere Plauderrunde im italienischen Fernsehen zum ESC war trotzdem höchst amüsant: während im Hintergrund die Punkte vergeben wurden, schnatterte man schlauschwätzend dahin, tröstete liebevoll den französischen Studiogast oder klopfte ihm auf die Schulter, wenn die französische Arie auch mal ein paar Pünktchen bekam, und war insgesamt so gar nicht objektiv und ausgewogen...
 
Also, ich näsel ja bis heute verzückt und hartnäckig „Groon Pri Örovisioon dölla choonsoon“, anstatt „yurovischn songcontest“ zu nuscheln und das dynamische ESC kommt mir schon mal gar nicht über die Lippen...
 
   
myliguria


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