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      <title>Sigurd Evers Ligurien Blog - myliguria.com</title>
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      <description>Sigurd Evers - Ligurien Blog</description>
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<title>Sigurd Evers Ligurien Blog - myliguria.com</title>
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			<title>Touristische Komödie</title>
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				<description>Seien wir ehrlich, kulinarischer Hochgenuss in Bioqualität ist an der ligurische Küste selten. Während im übrigen Italien junge Köche frischen Wind in die Küche bringen, stehen ihre ligurischen Kollegen eher uninspiriert oder ahnungslos vor dem Herd.Aber es gibt Anlass zur Hoffnung. Seit zwei Jahren stehen Ermanno Della Bruna und Clara Moglia mit ihrem Restaurant „Antica Guetta“ in Bonassola für eine behutsame Renovierung der ligurischen Kochtradition und für exzellente Produktqualität. „Wenn der Wellengang weiter so heftig bleibt, bekommen wir Probleme.“ Ermanno Della Bruna, Koch der „Antica Guetta“, blickt nachdenklich aus dem mit alten Möbeln eingerichtetem Speisesaal auf die wütende ligurische See.Seit einer Stunde tobt die „Mareggiata“ in der Bucht von Bonassola. Wir haben uns am Kamin niedergelassen, der wohlige Wärme verbreitet. „Bei diesem Wetter fährt kein Fischer raus!“ Frischen Fisch zu bekommen wird schwierig werden, etwa die beliebten Acciughe aus Monterosso. Die Menschen hier an der Küste wissen das.Ermannos Problem sind daher auch nicht die Acciughe, sondern jene Gäste aus dem (italienischen) Norden, die eine verquere Auffassung von Authentizität haben. Ihnen muss er mal wieder erklären, dass sein Restaurant zwar direkt am Meer liegt, aber das heißt nicht, dass es auch jeden Tag frischen Fisch aus dem ligurischen Meer gibt. Ermanno schüttelt verständnislos den Kopf. „Scampi oder Langusten sind hier an der Küste sehr selten, aber in fast allen Restaurants werden sie täglich angeboten,“ fügt seine Frau Clara hinzu. „Das Meer ist so gut wie leer gefischt, aber die Show muss weitergehen.“ Sie leitet den Service in der „Antica Guetta“, die so heißt, weil das Haus mit der verwitterten roten Fassade auf einem uralten Felsen (Guetta) am Ende der Bucht von Bonassola errichtet wurde.Auf Nachhaltigkeit legen die beiden jungen Besitzer großen Wert. Das für Touristen inszenierte Authentizitätstheater, das so häufig an der Küste zur Aufführung kommt, ist ihre Sache nicht. Die ligurische Küche ist einfach und bodenständig, aber leider oft (vor allem in Touristenorten) auch banal, es sei denn ein kreativer Geist wie Ermanno Della Bruna, der mit Fantasie und Leidenschaft am Herd steht, mischt die eingeschlafene Traditionsküche auf. Eine einfache Küche braucht erstklassische Produkte, damit sie einfach und gut sein kann.Die finden sie in der Region. Ermanno und Clara haben ihre Küche konsequent auf biologisch angebaute Produkte von regionalen Erzeugern ausgerichtet. Die „Antica Guetta“, arbeitet eng mit Käsereien, Gemüsebauern und Weinproduzenten, die biologisch angebaute Qualitätsprodukte herstellen, zusammen. „Nur gemeinsam mit den Erzeugern können wir unsere Gäste für eine modern interpretierte regionale Küche, die sich wirklich authentisch nennen darf, begeistern.“ In der kleinen Speisekarte sind alle Erzeuger-betriebe aufgelistet. „So können die Gäste nachvollziehen, wo wir einkaufen.“Die „Antica Guetta“ kooperiert auch mit der alternativen Weinmesse „Critical Wine“, die alljährlich über Ostern im Nachbarort Montaretto stattfindet. Bio-Biere sind der besondere Faible der beiden Wirtsleute, vor allem die Braunbiere der kleinen Privatbrauerei „Maltus Faber“ aus Genua, die sie exklusiv ausschenken. Maltus Faber, von zwei Genueser Hobbybierbrauern gegründet, hat die traditionelle genuesische Bierkultur wiederbelebt. Gebraut nach uralten Rezepturen schmecken sie ähnlich wie belgische Abteibiere.Ermanno ist ein Koch mit Haltung. Ein moderner Traditionalist, der über den ligurischen Tellerrand blickt. „Ich spiele mit Aromen und Texturen“, erklärt er mir, „aber die Zutaten sind traditionell. Eine Karte gibt es nicht, außer für die Antipasti, denn Ermanno kocht das, was gerade frisch vom Erzeuger kommt. Sein Konzept schmeckt man im Detail. Maronen kommen zum Beispiel in Form luftiger kleiner Törtchen als „Gruß aus der Küche“ auf den Tisch. Die typischen Gnocchi aus Kastanienmehl werden in einer feinen Brie-Sauce geschwenkt und mit karamellisierten Wahlnüssen und Rosenblüten verfeinert.Ich entscheide mich für St. Peterfisch, sanft auf der Haut gebraten, begleitet von einem federleichten Rucola-Schaum, zart aromatisiert mit dem feinen Duft der Lavendelblüte. Überhaupt begeistert sich Ermanno für die mediterrane Blütenküche. Eine alte Tradition, die wieder mehr in den Blickpunkt kreativer Köche gerückt ist.In der „Antica Guetta“ geht es entspannt und lässig zu. Leise Jazz- und Bluesmusik unterstreicht die relaxte Atmosphäre. Sporadisch werden auch Konzerte mit regionalen Künstlern organisiert. Der Blick von der Terrasse auf die Bucht von Bonassola ist wunderbar. Im Sommer der ideale Ort für einen Aperitivo. Ich wünsche mir, dass Clara und Ermanno ihren Weg konsequent weiter gehen, denn die ligurische Küche hat es verdient vom Staub einer falsch verstandenen Tradition befreit zu werden.Am nächsten Tag besuche ich am Abend ein bei Touristen sehr beliebtes Restaurant in Levanto. Das ligurische Meer ist noch immer wütend. Am Nachbartisch bestellt ein norwegisches Touristenpaar „Acciughe al limone“. Garantiert aus Monterosso, so wird versichert. Die Illusionisten im Authentizitätstheater tricksen wieder in der Kulisse. Links (Produkte und Erzeuger der Antica Guetta): Antica GuettaBier: Maltus Faber Genova;nbsp; Gemüse: L'Erba PersaKäse: Caseificio Caciori ChiavariWein: Gustonudo Fotos: Antica Guetta</description>
					<pubdate>Sat, 28 Apr 2012 00:00:00 +0200</pubdate>
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			<title>La Spezia, Piazza Brin - Molto berlinese!</title>
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				<description>Wenn junge Italiener etwas unkonventionell und cool finden, dann sagen sie neuerdings gerne: &quot;Molto berlinese&quot;. Damit ist gemeint: Querdenken, etwas Ambitioniertes auf die Beine stellen, eben alles was nicht mit dem jahrzehntelangen kulturellen Stillstand der Berlusconi-Ära identifiziert wird. Berlins legendäre Clubkultur dient vielen als Inspiration.Freunde aus Levanto wollen mir daher die alternative Kulturszene von La Spezia zeigen. Die sei natürlich: „Molto berlinese!“ Es wird unser Passwort für den heutigen Abend. Wir schlendern durch die Via Firenze im Piazza Brin Viertel. Ein heftig blasender Scirocco weht uns die Gerüche des nahen Fischmarktes in die Nase. Wir bekommen Appetit, es ist längst Zeit für einen aperitivo.;nbsp;Ein kleines Logo-Schild am Eingangsportal ist der einzige Hinweis auf den Btomic Club. Früher war hier einmal ein Kulturzentrum der damaligen PCI (Partito Comunista Italiano) untergebracht, später dann bis zur endgültigen Schließung eine Gelateria.Jacopo Benassi aus dem Btomic-Team, ein leidenschaftlicher Fan des FC St. Pauli!?! (Hamburgs Punkrock-Ausgabe einer Fußballmannschaft), führt uns durch die Räume. Der Btomic Club ist ein typisches „Do it Yourself“-Projekt, das Anfang 2011 von einer Gruppe ligurischer Künstler, Designer und Architekten ohne öffentliche Förderung hochgezogen wurde.Die Idee, einen urbanen Off-Kultur Ort zu kreieren, haben die Btomicnisti in nur wenigen Monaten mit viel Liebe fürs Detail realisiert. „Wir Ligurier hocken halt gerne in dunkeln Höhlen“, meint Jacopo mit Blick auf das historische Deckengewölbe. Das Btomic ist das Update 2.0 einer traditionellen Cantina im „State of the art“ - Design. Da würde selbst in Berlin keiner meckern. Ich spreche die skurrilen Sitzmöbel an. „Unsere Hommage an den Designer Martino Gamper,“ zwinkert er mir zu. „Wir hoffen, dass er nicht sauer ist, wenn er die hier sieht!“ Die von Gamper inspirierten Stühle kann man unter dem Label BTOMIC FOR CHICKEN'S HOME auch erwerben.Der Btomic Club ist ein hybrides Konstrukt: Bar, Kunstgallerie, Partykeller und Szene-Wohnzimmer. Hier ist die kreative Generation ohne Festanstellung von La Spezia beheimatet. Junge Frauen und Männer tragen Vintage Look kombiniert mit street wear. Es herrscht entspannte Geschäftigkeit. Moderate elektronische Beats schweben durch die Räume; es ist noch früh am Abend. E-Mails werden gecheckt, man spricht über zukünftige Projekte und vergangene Parties. 

Das Veranstaltungsprogramm ist dementsprechend: Ausstellungen, Performances, DJ-Sets und kleine Konzerte.Jacopo führt uns noch schnell in das alte Magazino unter dem Club, hier standen früher die Eismaschinen, jetzt finden dort eine Internet-radiostation und eine Druckerpresse Platz. Btomic Radio und Kunst- buch Editionen sind die nächsten Projekte. Die Btomicnisti haben die Segel gesetzt, volle Kraft voraus.Jetzt ist Zeit für einen aperitivo. Wir lassen uns an einer großen Holztafel unter grünen Billardtischlampen nieder. Sie stammen noch aus dem Fundus der PCI-Zeit. Neben guten Drinks – es wird sogar Kloster Andechs, Biobier aus Bayern, ausgeschenkt – gibt es auch eine kleine feine Speisekarte: Ligurische spuntini in Bioqualität. Bei Vermentino und Pane acciughe con buro erfahren wir, daß ein Konzert der Berliner Musikerin Mary Ocher ansteht:“Una cantante berlinese garage folk, ricorda Janis Joplin in versione post-moderna berlinese, grande spettacolo.“Jacobo ist begeistert, die Diskurs-Maschine sprüht Funken: spanische Trash-Kultur, die nuller Jahre in Berlin, occupywallstreet. Sie dreht sich schnell im Btomic bis wir schließlich etwas schwindelig bei der Zukunft Italiens ankommen. &quot;L'unica maniera per realizzare i propri sogni è svegliarsi!&quot;  Roberto Benigni hat diesen schönen Satz zur Lage der Nation gesagt.&quot;Hübsch, aber wir hier sind schon längst aufgewacht, caro!&quot;  Jacopo springt plötzlich auf, er muss los, der nächste DJ-Abend und der Auftritt einer spanischen Performancekünstlerin wollen noch vorbereitet werden. „Berlino, Piazza Brin, avanti“, ruft er uns noch zum Abschied zu.Auch wir machen uns auf den Weg in die Nacht von La Spezia. Draußen wütet der Scirocco. Blitze zerschneiden den Himmel. Ich registriere leichte Kopfschmerzen. An das Tempo des Abends muss ich mich erst noch gewöhnen. Molto berlinese! 
BTOMIC CLUB;nbsp; VIA FIRENZE 27 19100 LA SPEZIA (ITALY);nbsp;
Unsere Bildergalerie zeigt die außergewöhnlich gestalteten Räume des Btomic Clubs in La Sepezia. (Copyrights für alle Fotos: Btomic Club)</description>
					<pubdate>Thu, 08 Dec 2011 00:00:00 +0100</pubdate>
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			<title>Monterosso existiert schon seit 20 Jahren nicht mehr!</title>
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				<description>Mit dieser provokanten Aussage hat der in Italien bekannte Schriftsteller und Journalist Maurizio Maggiani in der ligurischen Tageszeitung &quot;Il Secolo XIX&quot; die Debatte über die kulturellen und politischen Konsequenzen aus der Überschwemmungskatastrophe in den Cinque Terre begonnen. Mit meinem Beitrag möchte ich die notwendige Debatte auch unter den Lesern von myliguria eröffnen.Am Morgen des 25. Oktober (Tag der Katastrophe) war ich in Levanto unterwegs, es regnete bereits, als ich einen Freund traf. Ich schaute skeptisch zum Himmel, er aber sagte im Weitergehen: „Mach’ Dir keine Sorgen, das ist nur ein typischer Scirocco.“ Er hat Recht, dachte ich, lang anhaltender Starkregen ist hier eigentlich nichts Ungewöhnliches. Eigentlich!Damit kommen wir zum Kern des Problems. In der langen Geschichte der Cinque Terre hat es viele heftige Unwetter gegeben. Dank der kontinuierlichen und zugegebenermaßen harten Arbeit an den Trockenmauern und Weinterrassen konnte die Region solche meteorlogischen Krisen bewältigen. Die nachhaltige Pflege der Cinque Terre hat sich in den letzten zwanzig Jahren dramatisch verändert, schreibt Maggiani, der einige Jahre dort lebte. Sein Hauptvorwurf: Aus Profitgier und Ignoranz hat eine ganze Generation das jahrhundertalte Kulturerbe verspielt. Die Leute machen lieber eine „Cantina“ auf, um dann das schnell verdiente Geld auf den Seychellen zu verjubeln, statt sich um die Landschaftspflege zu kümmern. Das wäre eigentlich auch die Aufgabe des Cinque Terre National Parks gewesen. Der ist aber durch die Korruptionsaffäre wegen veruntreuter Millionenbeträge durch die ehemalige Parkleitung seit einem Jahr handlungsunfähig. Der Park hat schlicht kein Geld mehr, um die notwendigen Arbeiten zu bezahlen. Aber auch schon vor dem Skandal hat die Parkverwaltung jahrelang systematisch die Region geschwächt. Sie hat eine einträgliche &quot;Cash-Maschine&quot; aufgebaut, um eine Art folkloristisches Hyper-Ligurien als Touristenkulisse zu vermarkten. Von aufwendigen Marketing-kampagnen begleitet, wurden Millionen Touristen durch die Dörfer geschleust und abkassiert. Das eigentliche „Produkt“, die einzigartige Kulturlandschaft, wurde dabei völlig vernachlässigt. 

Cashflow auf Kosten der Qualität. Solche Methoden kennt man sonst nur von skrupellosen Hedgefonds. Kommunale Schlampereien, wie zubetonierte Bachläufe und ein staatlich chronisch unterfinanzierter Umwelt- bzw. Zivilschutz kamen noch hinzu. Keine guten Vorraussetzungen, um die gravierenden Auswirkungen der Klimaveränderung zu meistern. Moralische Appelle allein werden die Probleme indes nicht lösen. Landschaftspflege ist der beste Zivilschutz, allen muss klar sein; wer von den Cinque Terre profitiert, muss auch für ihren Erhalt sorgen. Finanzielle Ressourcen sind vorhanden, denn die Cinque Terre sind reich. Das bisherige ökonomische und ökologische &quot;Geschäfts-modell&quot; ist gescheitert. Ein öffentlich und privat finanziertes System muss einen ökonomischen Anreiz geben, der die Landschaftspflege für die Bewohner attraktiv macht. 

Dafür braucht es eine institutionelle Plattform, ein grundlegend reformierten Cinque Terre Park. Eine Auflösung des Parks und die damit verbundene mögliche Aberkennung des Unesco-Status wäre eine schlechte Alternative. Der letzte unverbaute Abschnitt der Küste würde bald in die Hände der Betonmafia fallen. Transparenz und Partizipation sind die Voraussetzung für die Reform. Das darf nicht nur eine staatliche oder kommunale Aufgabe sein. Eine Art „Park Watch Initiative“, welche die Arbeit des Parks öffentlich überwacht, wäre notwendig. Deshalb muss die Zivilgesellschaft der Region Teil des Prozesses werden.Zivilgesellschaft in Italien?Sì, volontariato! Daß es sie gibt, zeigen die vielen, meist jungen Frauen und Männer, die am Tag nach der Katastrophe, oft mit bloßen Händen, sofort damit begannen, den Schlamm und Dreck  - und nicht nur den, es ist ein Bild mit symbolischer Botschaft - wegzuschaffen, um ihre Städte und Dörfer wieder aufzubauen. Ich habe die vielen Freiwilligen jeden Abend mit dem Schiff aus Monterosso oder Vernazza nach Levanto zurückkehren sehen. In ihren Gesichtern, eine fast heitere Entschlossenheit. Von Lamentieren keine Spur. Einer von ihnen, Roberto, Wirt der Bar „Salty Dog“ in Levanto, sagte zu mir: „Wir Ligurier haben keine Zeit zum Weinen. Wir wollen unsere Heimat nachhaltig wiederaufbauen!“Auch wir, die wir in die Cinque Terre reisen, sollten das als Ermutigung verstehen. Auch wir haben ein Interesse daran, das der Wiederaufbau mit einer nachhaltigen Perspektive versehen und gesichert wird. Diese Menschen sind unsere Verbündeten, wir sollten sie nicht alleine lassen. 

Nutzen wir unsere Möglichkeiten - finanziell, publizistisch oder ganz praktisch –, denn die Cinque Terre sind (noch) Unesco-Weltkulturerbe der Menschheit, und damit auch für uns alle die Aufforderung, dieses Erbe nicht zu verspielen. Dabei dürfen wir auch nicht die Orte im „Val di Vara“ und „Val di Magra“ vergessen: Borghetto, Brugnato, Pignone. Die Verwüstungen dort sind verheerend. Im Gegensatz zu den Cinque Terre haben diese Orte aber keine große internationale Lobby. Übrigens, auch die Seychellen sind von Überschwemmungen bedroht. Wir sitzen alle in einem Boot.Link zur provokativen Kolumne von: Maurizio Maggiani Die italienische Fotografin Miriam Rossignoli hat als Bewohnerin von 
Monterosso die Überschwemmung miterlebt. Für ein Fototagebuch hat sie ihre berührenden und fast poetischen Bilder aus dem Inneren der Katastrophe zusammengestellt.Unser Bild &quot;La Madonna coperta di fango&quot; stammt aus dieser Serie, die laufend aktualisiert wird. Zu sehen sind die Bilder online auf flickr. Ein Auszug aus Rossignolis Tagebuch:;nbsp;
Data Sabato 29 Ottobre 2011. Ore 11:30.
&quot;Poche statue nei luoghi di culto sono scampate alla furia dell’alluvione. È curioso imbattersi in questa raffigurazione della madonna alla quale mancano occhi per vedere e orecchie per ascoltare. Dove una madonna è costretta a non vedere e a non udire ciò che la circonda perché mutilata durante l’inondazione; dove l’onnipotenza umana, alimentata e cresciuta attraverso i soldi e l’arricchimento materiale, scompare, ricoperta dal fango.&quot;</description>
					<pubdate>Wed, 30 Nov 2011 00:00:00 +0100</pubdate>
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			<title>Das A und O der scharfen Puppen</title>
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				<description>Vor einiger Zeit verschlug es mich zur Osterzeit in das kleine Dörfchen Costarainera an die Ponente-Küste Liguriens. Es döst bei San Lorenzo al Mare hoch über dem Meer aus der Zeit gefallen vor sich hin. Der Kirchenkalender hatte Ostern in diesem Jahr in die gefühlte Nähe zur Eiszeit gerückt. Eine Tramontana Scura schaufelte seit Tagen tief hängende schwarze Regenwolken über den Monte Faudo. „Tramuntanna scüa, aegua següa“... dunkle Tramontana, sicherer Regen... sagen die Leute im Dialekt der Küste. Bestimmte Volksweisheiten sollte man ernst nehmen und deshalb im Haus bleiben. Der Geruch von Kaminholz erfüllte die Gassen und die Fensterläden klapperten vor Kälte. Drinnen, in meinem Haus, sorgte ein Ofen dank einer „Bombola“ (Gaskartusche) für wohlige Wärme. Ich vertrieb mir die Tage mit der Musik von Fred Buscaglione. Er hat die italienische Popmusik in den 1950er Jahren im Alleingang revolutioniert, indem er die Canzone mit Swing und Cool Jazz kreuzte, eine unwiderstehliche Mischung, die noch heute Gültigkeit hat. Er beeinflusste Legionen von Musikern, wie Paolo Conte, Vinicio Capossela oder die Mailänder Spaghetti Balkan Punks von Figli di madre ignota und schuf unvergleichliche Klassiker: Love in Portofino, Jukebox, Whisky facile oder Che Bambola.;nbsp;Fred Buscaglione war ein cooler Hund vor dem Herrn, er liebte amerikanische Gangster à la Mickey Spillane und scharfe Frauen. Von beiden sang er in seinen Songs. Aber immer mit einem gewaltigen Schuss (Selbst-) Ironie. Eine Frau sprach er stets mit „Che Bambola“(Scharfe Puppe) an, was ungefähr dem amerikanischen „Babe“ entspricht. Ich hörte seine Musik rund um die Uhr, bis sie in meinem Kopf ein Eigenleben zu führen begann. Das sollte nicht ohne Folgen bleiben.Pünktlich zu Karfreitag meldete mein Ofen: Kein Gas mehr! Den ligurischen Frühling verfluchend machte ich mich auf zum kleinen Alimentari, der von zwei freundlichen Damen betrieben wurde, beide jenseits der Achtzig. Unterwegs traf ich auf eine windschiefe Karfreitagsprozession, die tapfer der Kälte trotzte. Der Pfarrer vorneweg, schwenkte Weihrauch, dahinter vielleicht zehn Bewohner des Dorfes. Die liturgischen Gesänge, die über einen altersschwachen Lautsprecher das ganze Dorf beschallten, vermischten sich in meinem Kopf mit dem Swing des Fred Buscaglione zu einer surrealistischen Klangcollage. Hallejulia, Che Bambola!Als ich frierend in den Laden stürmte, fand ich noch drei weitere Damen im biblischen Alter vor. Die Signore unterbrachen ihr Gespräch und warteten gespannt darauf, was denn der Tedesco zu sagen habe. „Mir ist saukalt. Ich brauche dringend eine ... Bambola!“, rief ich in die Runde. Absolute Stille, dann: „Eine Bambola? Dringend?“ Ein Gelächtersturm brach los. „Du bist zu spät dran!“ Prustendes Gelächter. „Wieso zu spät?“ „Na hör mal, als wir jung und hübsch wie eine Bambola waren, warst du noch gar nicht auf der Welt. Capisci!“ Schallendes Gelächter. „In Costarainera gibt es keine einzige „Bambola“ mehr. Höchstens mal zu Besuch. Da musst du dein Glück schon in San Remo versuchen“. Kichern. „Wegen meiner „Bombola“ muss ich bis San Remo fahren?“ „Nein, nicht doch, die kannst Du auch bei uns bekommen!“ Bambola!? ... Bombola!;nbsp; ...A...! ...O...? Mir wurde ganz schwindelig, langsam begann ich zu realisieren, was mir da gerade passiert war. „Scusate!!! Das habe ich nur Fred Buscaglione zu verdanken“, stammelte ich. „Fred Buscaglione?“ Jetzt waren die Damen verwirrt. „Wen meint er?“ „Er meint den berühmten Sänger, den, der Che Bambola gesungen hat.“ „Ach der! War der denn schon mal hier?“ „Wo denkst du hin, in San Remo war der.“ „In San Remo waren sie doch alle. Aber im Nachbardorf war mal Marcello Mastroianni zu Besuch, das war vielleicht ein Spektakel.“Mit rotem Kopf (diesmal wegen des Gewichtes) schleppte ich meine neue Bombola wie eine wertvolle (Oster-) Reliquie nach Hause. Die alten Damen hatten übrigens Recht, ich war zu spät dran, denn über Nacht zog der Frühling ins Land und der Ofen kam nun nicht mehr zum Einsatz. An machen Tagen, wenn der Nordwestwind nach Levanto herüberweht, meine ich noch heute das Gelächter aus dem Dörfchen Costarainera zu hören. Ganz leise nur, aber ich höre es. Che bambola!!!Bild: Der Revolutionär der italienischen Popmusik Fred Buscaglione beim Anblick einer Bambola! Quelle Foto: WikipediaVideo: Fred Buscaglione erklärt uns den perfekten Umgang mit einer Bambola: http://youtu.be/p2D65vgwOqk</description>
					<pubdate>Wed, 30 Nov -001 00:00:00 +0100</pubdate>
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			<title>Der digitale M&#246;nch in der Blogosph&#228;re</title>
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				<description>Was für ein Auftritt; die Türe der Trattoria flog auf und ein junger Mönch trat mit energischen Schritten ein. Er strahlte förmlich, als sei er gerade selig gesprochen worden. Ein Bär von einem Kerl, in brauner Kutte, schweren Wanderschuhen an den Füßen und einem riesigen Rucksack auf dem Rücken. Bevor die Antipasti aufgetragen wurden, fischte der Mönch zu meiner Überraschung ein iPhone aus dem Rucksack und warf einen beiläufigen Blick auf das Display. In meiner urbanen Metropolen-Bewohnerehre herausgefordert, zog ich meinerseits mein uraltes Apple Notebook aus der Tasche und begann die Ereignisse zu protokollieren.Der Mönch zwinkerte mir zu und machte sich über seine gebratene Dorade her. Das Augenzwinkern hätte mich misstrauisch werden lassen müssen, denn zu meiner noch größeren Überraschung kramte er vor Eintreffen der Crème Caramel ein nagelneues MacBook Air aus dem Rucksack und stellte mittels USB-Stick einen Internetzugang her. Er checkte kurz seine E-Mails, seufzte entzückt, schaute kurz in meine Richtung und sagte mit einem Lächeln „Heute darf ich 30 E-Mails zu meinem Blog beantworten und es werden täglich mehr. Gott sei Dank“. Ich war verwirrt. Was ist denn plötzlich mit der katholischen Kirche los? Werden jetzt angehende Mönche nach Ablegen des Gelübdes mit Apple Laptops samt Internet-Account ausgestattet? Lautet der Auftrag des Herrn jetzt: „Bloggeraro subito! - Bloggen jetzt!Bloggende Mönche habe ich selbst im trendy Berlin noch nicht gesehen. Und nun begegnet mir so einer in der italienischen Provinz, im Land der europäischen Internet-Diaspora schlechthin, wo nur knapp 52 Prozent der Italiener überhaupt Online sind. Vor diesem Hintergrunde lese ich nun, dass der Vatikan bestrebt ist, seinen Einfluss auch in der virtuellen Welt sicherzustellen. Da machen bloggende Mönche als digitale Missionare natürlich Sinn. Papst Benedikt XVI hat bereits 2009 verkündet, das Internet sei ein Geschenk für die Menschheit. Und für die Kirche, möchte man hinzufügen, denn es eröffnet ihr neue Möglichkeiten des Dialoges und wo Menschen weltweit kommunizieren darf Gottes Wort nicht fehlen. Eigens wurde hierfür im Vatikan ein Rat für Kultur und Soziale Kommunikation mit dem Ziel eingerichtet, sich besser in den globalen Medien zu positionieren. Theologischer Vorsprung durch Technik gewissermaßen. Wie wichtig der Vatikan die Möglichkeiten der neuen Social Media Plattformen einschätzt, zeigt das erste internationale Bloggertreffen, das der Vatikan Anfang Mai 2011 in Rom veranstaltet hat. Unter dem Motto „Vatican Meeting Blog“ wurde von Kardinal Gianfranco Ravasi zum Dialog geladen und 150 internationale Blogger reisten an. Von konkreten Ergebnissen der Konferenz ist bisher wenig in die Öffentlichkeit gelangt. Vielleicht konnte der Widerspruch zwischen dem traditionell zur Geheimnis-krämerei neigenden Vatikan und dem Transparenzanspruch des Netzes noch nicht gleich aufgelöst werden.Zurück nach Levanto. Ich hätte gerne noch mehr über den Aufbruch der Kirche in den „Cyber Space“ erfahren, aber mein Mönch 2.0 war nun nicht mehr in der analogen Welt zu sprechen. Zwischen Dolce und Kaffee hatte er im digitalen Weinberg des Herrn zu tun. Am Abend sah ich ihn noch einmal am Bahnhof. Auf den Zug wartend tippte er noch schnell Nachrichten in sein iPhone. Auf dem Weg nach Rom war noch einiges zu organisieren. Bekanntlich führen ja viele Wege dorthin, nun wohl auch ein Digitaler. Habemus Internet!Foto: Das Internet ist ein Geschenk für die Menschheit verkündete Papst Benedikt XVI und lud gleich zum ersten Bloggertreffen in den Vatikan. (Quelle: Wikipedia, Agência Brasil);nbsp;</description>
					<pubdate>Wed, 30 Nov -001 00:00:00 +0100</pubdate>
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			<title>Am Meer mit Mr. Nanof</title>
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				<description>Es ist jedes Mal ein Schauspiel. Man biegt am Ende der Gasse um die Ecke und steht unvermittelt vor ihm. Dem Meer. Die unerwartete Plötzlichkeit des Auftritts überrascht mich immer wieder. Eine nächtliche  „Tramontana“ hat den Himmel auf Hochglanz geputzt. Das ligurische Meer vor Levanto  ist spiegelglatt und von einem unsagbaren Blau. Mittelmeer-Blau. Einzigartig und viel mehr als eine Farbe.  Dieses Blau ist die Brücke zu allen Ufern des Mittelmeeres. „Das Kreieren von Kunst ist wie ein Gang ans Meer. Man bewundert es und wenn man wieder zuhause ist, versucht man seinen Freunden von dieser unglaublichen Erfahrung zu berichten.“Piero Milesi  hat diesen schönen Satz aufgeschrieben, mit ihm bin ich am Abend zum Essen verabredet.Piero Milesi ist Avantgardemusiker, Komponist, Arrangeur, Produzent der letzten Fabrizio De André Alben „Nuvole“ und „Anime salve“ und Performancekünstler der legendären Mailänder Multimedia-Gruppe „Studio Azzurro“. In ihr kamen Anfang der 1980er Jahre die Pioniere der italienischen elektronischen Kunst und Videokunst zusammen. Er kooperierte unter anderem mit Brian Eno, war 1987 Protagonist auf der DOKUMENTA 8 in Kassel und ist einer der innovativsten Akteure der italienischen Musikszene. Die Liste seiner Projekte würde Seiten füllen. Film- und Theatermusiken, Soundinstallationen auf Schiffen mitten auf dem Tiber in Rom oder Arrangements für Luciano Ligabue. Darüber hinaus arbeitet er auch als Architekt.  Das Meer hat mir an diesem Morgen nichts zu sagen. Es scheint mich nicht einmal zu registrieren. Missmutig wende ich mich ab. Vielleicht hatte das Meer etwas erwartet, eine originelle Geste, einen klugen Gedanken, ein Zeichen von Kreativität. Ich greife einen Kieselstein und werfe ihn aus der Hüfte - ziemlich elegant, wie ich finde - über die Wasseroberfläche, er setzt zweimal auf und versinkt mit einem kurzen Plop. Immerhin. Irgendwie befriedigt trete ich den Rückzug an. Der Gang an den Strand war also nicht umsonst. Ich erinnere mich plötzlich an einen Gedanken des deutschen Schriftstellers und Philosophen  Wilhelm Genazino: „...die unablässig tätige Zurechtfindungsmaschine, die beim Anblick des Meeres einmal ausfallen durfte.“ Der Kopf muss erst einmal leer sein, wie ein weißes Blatt Papier. 
Diese Art von Weltüberwältigung am Meer löst bei mir stets ein starkes Hungergefühl aus, als erzeuge die Maßlosigkeit der Erscheinung eine innere Leere, der ich nur mit gefüllten Magen auf gleicher Augenhöhe begegnen könnte.  Ich rette mich in  die Focacceria „Il Falcone“. Den Rest des Tages höre ich die seltsam surreale Musik von Piero Milesis CD „The Nuclear Observatory of Mr. Nanof – Music for films, installations, water and fireworks.“ Stark beeinflusst von der sogenannten „Minimal music“ eines Steve Reich  oder Philip Glass, die London Times nannte ihn einst den italienischen Michael Nyman  (Filmusik: Das Piano). Das Werk erinnert mich an Soundtracks obskurer US-Amerikanischer Science Fiction B-Movies aus den 1950er Jahren.Der kleine Fiat Cinquecento kurbelt sich die Kurven hinauf in die Berge oberhalb von Levanto.  Obwohl es oft nur wenige Kilometer sind, kann man den Unterschied zwischen dem Ligurien der Küste und dem Ligurien der Berge spüren. Der alteingesessene Händler G. aus Levanto hat es mir so erklärt, es gäbe zwei Arten von Ligurien. Das eine ist das liberale, weltoffene, maritime und zugängliche Ligurien, das Ligurien der „Gente del mare“, der Küstenbewohner, der Fischesser. Das andere ist das konservative, bäuerlich verschlossene Ligurien der „Contadini“, der Bauern, der Fleischesser aus den Bergen und Täler im Hinterland. Leider würde die Kultur der „Contadini“ die Oberhand gewinnen. Die Küste sei nur noch etwas für Touristen und Dazugezogene aus Mailand oder Parma.  Die hätten aber keinen blassen Schimmer von der Kultur des Meeres. Bei genauer Betrachtung seien sie auch Bauern. „Die starren den ganzen Tag wie Idioten aufs Wasser und kapieren gar nichts! Aber auch unsere Leute von der Küste verlieren allmählich das Verständnis für ihre eigene Kultur. Das ist wirklich traurig.“ Ich bin unterwegs mit der französischen Musikerin und Fotografin Odile Arias, die seit einigen Jahren in Bonassola hier an der Levante Küste lebt.  In den 1980er Jahren war sie in Frankreich mit ihrer Gruppe „Vienna“ ein aufstrebender New Wave Star. Sie ging mit dem „Depeche Mode“ Mitbegründer Martin Gore  - mit ihm war sie eine Zeitlang liiert - auf die legendäre 101-Tour rund um die Welt, sie arbeitete mit dem deutschen Elektronikmusik Mythos „Kraftwerk“   zusammen und blieb vor einigen Jahren mit ihrem Mann, dem Modefotografen Antonio Capa in Bonassola hängen. Heute arbeitet sie selbst als Fotografin und komponiert mit Blick auf den Strand von Bonassola ihre luftigen, melancholischen Elektronik-Chansons. Odile Arias kennt Piero Milesi gut.
Wir sind mit ihm in der „Antica Locanda Luigina“ in Mattarana, einem kleinen Bergdorf zum Abendessen verabredet. Er wohnt dort in der Nähe. In den Bergen isst man meist sehr gut. Die Köche dort haben keine Laufkundschaft; mit einfallsloser Küche und schlechten Produkten könnten sie sich in den kleinen Dörfern nicht halten. Wir haben Glück, der Koch der „Antica Locanda Luigina“ ist keiner dieser phantasielosen Gesellen, wie man sie an dieser Küste leider häufig antrifft. Die Küche in den Bergen kennt vor allem ein Produkt, ohne das die ligurische Esskultur nicht auskommen kann: Kastanien. Heute gibt es Gnocchi aus Kastanienmehl, Kalbsfleisch mit einer Rucola-Pinienkernkruste und Pannacotta aus hauseigener Milchproduktion. 
Piero ist gerade von einer längeren Reise aus Indien zurückgekehrt. Er hat die Bollywood-Studios in Mumbai besucht und sich danach in Goa erholt. Nun regt es ihn auf, dass er dort selbst in den kleinsten Dörfern immer auf Berlusconi angesprochen wurde. „Italian, Mr.? Yes. Do you like Bunga Bunga!“ Es ist zur Zeit unangenehm als Italiener ins Ausland zu reisen. Und im eigenen Land? Für Künstler, die ambitionierte Projekte realisieren wollen, ist Italien ein ganz schlechter Ort geworden, sagt er. Die Wertschätzung der Kunst durch die politische Kaste ist so rapide gesunken, wie der allgemeine kulturelle Verfall der gesamten italienischen Gesellschaft. Kunst stellt in einer Spektakel-Gesellschaft keinen Wert mehr da. Wird als Störung begriffen. Innovative Impulse gehen von Italien kaum mehr aus. Es ist anstrengend geworden, Geld für Projekte aufzutreiben. Viele Künstler haben resigniert oder gehen weg, nach Berlin, London oder Zürich. Früher sind die Ärmsten ausgewandert, heute sind es die Klügsten, die das Land verlassen. Was für eine Schande!
Später in seinem Haus und Studio mit Blick auf den Apennin, trinken wir Ayurveda-Tee, den er aus Indien mitgebracht hat, aufgegossen mit ligurischem Quellwasser. Jeden Tag geht Piero in den nahen Wald zu einer Quelle und füllt seinen Kanister damit auf. Die indisch-ligurische Fusion schmeckt köstlich. Wir fragen uns, warum die unglaublich reichhaltige Musiktradition des Mittelmeerraumes so wenig als Quelle für zeitgenössische Musik genutzt wird, im Vergleich zum Blues in den USA etwa oder der Musik Indiens oder Afrikas. Eigene Ignoranz und die absurde Vorstellung Europas, man könne die eine Seite des Mittelmeeres durch eine Grenze von der anderen Seite abtrennen. Das Mare Mediterraneum war immer ein Meer der historischen Beziehungen und des kulturellen Austauschs – Liebe und Gewalt gleichermaßen - und nicht ein Ort des Ertrinkens. Würde man das Meer durch einen Kontinent ersetzen, hätte es diesen Austausch nie gegeben.  G. hat Recht. Wir starren aufs Wasser und kapieren gar nichts. 
„La notte della taranta“ heißt das Projekt, mit dem sich Piero für die Wiederbelebung der Mittelmeermusik engagiert. „Tarantella“, diese uralte „Trance Musik“ erfährt im Augenblick eine zarte Renaissance, es sind vor allem Musiker und DJs, die aus dem Feld der elektronischen Musik kommen, die diese rhythmische Kraft in einen modernen Kontext stellen.  Auch immer mehr junge Folk-Musiker folgen diesem Beispiel, wie z.B. der junge Gitarrist und Sänger Aronne Dell’Oro, der in Levanto lebt, aber hauptsächlich in Frankreich arbeitet. Über ihn berichte ich in einem meiner nächsten Blogs. 
Nach Mitternacht sind wir wieder unten an der Küste in Levanto. Bevor ich zu Bett gehe, suche ich noch einmal den Strand auf. Mir fällt eine Geschichte ein, die der italienische Drehbuchautor Tonino Guerra (Blow-up, Amarcord, Cinema Paradiso und viele andere) in seinem Drehbuch zu „Viaggio d’amore“ erzählt: Rico und Zaira sind unterwegs zum Meer. Beide sind um die achtzig Jahre und kommen aus den Bergen. Am Meer sind sie nie in ihrem Leben gewesen. Es ist ihre Hochzeitsreise, die sie immer verschoben haben. Nach einer langen und beschwerlichen Reise sind sie nun endlich in der Nähe des Meeres angekommen. Sie müssen nur noch eine Düne hoch klettern. Es herrscht dichter Nebel, das Meer ist nicht zu sehen, aber sie können es hören. Dann setzen sie die ersten Schritte barfuss ins Wasser. Was für ein unglaubliches Erlebnis. Sie tollen herum, sie drohen sich im dichten Nebel zu verlieren, sie suchen sich, dann endlich kommt Rico aus dem Nebel heraus, sie umarmen sich, als hätten sie sich hundert Jahre nicht gesehen. „Wir haben das Meer gefunden, können es aber nicht sehen,“ ruft Zaira in den dichten Nebel. Rico ruft zurück: „Ich schwör’s, Zaira, dass ich Dich das Meer sehen lassen werde. Das schwöre ich. Ich lass es nicht entwischen. Ich halte es hier unter meinen Füßen fest.“ Sie blieben lange dort stehen, bis sich der Nebel hob.   So ist das mit dem Denken und der Kunst. Man muss seine Idee mit den Füßen festhalten und warten bis sich der Nebel lüftet. Ich denke, diese Geschichte wird Piero gefallen. Bis zum nächsten Wiedersehen, Mr. Nanof. Milesi auf youtube

Fotos: Fiat von Odile Arias (von ihr selbst fotografiert) und Plattencovers von Piero Milesi)</description>
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			<title>Von W&#246;lfen und Wildschwein-Salami</title>
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				<description>Flanieren macht hungrig. Das liegt in der Natur der Sache. Denn das absichtslose Umherschweifen verbraucht viel Denk-Energie. An einem Wintertag betrat ich daher hungrig wie ein Wolf („Ho fame da Lupo“) die Trattoria „Da Tapulin“ in Levanto. Die Gaststätte wird von den sympathischen Wirtsleuten Di Viviani betrieben. Über der Küchentüre hat Massimo, der Koch, ein Schild angebracht: „La cucina del re“. Das ist jedoch nicht ernst gemeint; die Küche ist durchweg demokratisch und die Preise sind es auch. Am Mittag ist es im „Da Tapulin“ angenehm, zu dieser Zeit wird es vor allem von der arbeitenden Bevölkerung aufgesucht, so erfährt man mehr über dem Alltag der Bewohner. Der Tourist isst lieber am Abend, da erfährt er, wie das Wetter in München, New York oder Oslo ist. Ich bestelle mir die traditionellen „Gattafin“, Teigtaschen (Große frittierte Ravioli) mit Parmesankäse und Mangold gefüllt und einen Schwertfisch vom Grill. Auf mein Essen wartend, höre ich am Nebentisch, dass der ältere Herr einen kennt, der ihm erzählt hätte, dass ihm ein Verwandter glaubhaft versichert habe, jemanden zu kennen, der mit eigenen Augen gesehen haben will, das Wölfe in der Nachbargemeinde Framura aufgetaucht seien. Und diese würden nun Jagd auf Wildschweine machen und das hätte zur Folge, dass es weniger Wildschweine für die Jäger zu schießen gäbe und das hätte wiederum zur Folge, dass weniger Wildschwein-Salami zu bekommen sei. Capisci? Ich werde hellhörig, hatte mir doch ein Freund dringend aufgetragen, genau jene fantastische ligurische Wildschwein-Salami zu besorgen und unbeschadet nach Deutschland zu transportieren. Ein Jahr ohne diese Wildschwein-Salami, dass wäre ein Desaster. Ich zahle eilig meine Rechnung und gehe in die Via Dante. Dort befindet sich die „Macelleria Piccolo“, der Metzger meines Vertrauens. Er erklärt mir freundlich, von Wölfen in der Gegend von Framura sei ihm nichts bekannt. In der Toskana hingegen sehr wohl. Aber in Ligurien, nein. In den Bergen oberhalb von Genua hätte man zwar welche gesehen und an der Grenze zu Frankreich wahrscheinlich auch. Aber hier nicht. Capisci? Ich überlege gerade, meines Wissens ist Genua und die Grenzregion zu Frankreich doch auch ein Teil Liguriens, da fügt der Metzger hinzu, Wölfe hin oder her, Wildschwein-Salami aus der Region hätte er leider nicht mehr. Er könne mir aber einen Kollegen nennen, der hätte ersatzweise toskanische Wildschwein-Salami. Gut, ich würde meinem Freund die Geschichte mit den Wildschwein mordenden ligurischen Killer-Wölfen erklären und auf die toskanische Wildschwein-Salami verweisen und auf Nachsicht hoffen. Der besagte Metzger-Kollege hatte übrigens auch keine Salami mehr. Wölfe in der Toskana? Habe er von gehört. Auch in Ligurien? Habe er von gehört. Wenn ich mich für Wölfe interessiere würde, könne er mal bei seinem Cousin nachfragen, der sei Jäger. Was kann schlimmer sein, als keine Wildschwein-Salami aus Levanto mit Heim zu bringen? Dass es in München, New York und Oslo seit Tagen regnet, wie ich an der „Edicola“(Kiosk) in der internationalen Zeitungsauslage lese, ist mir auch kein Trost.;nbsp;Der letzte Metzger, den ich im Ort aufsuchte, hat es mir so erklärt. Ich sei mit meinem Kaufwunsch einfach zu spät dran. Die Jäger hätten nicht mehr Wildschweine geschossen. Wegen der Wölfe? Es gäbe Gerüchte in dieser Sache. Das habe er von Kollegen gehört. Einen Tag später fällt mein Blick auf die Titelseite der Lokalzeitung „Il Seccolo XIX“ und dort lese ich: “Wölfe bei Framura haben 7 Schafe gerissen“. Schafe, keine Wildschweine! Capisci? Neulich träumte ich davon, dass durch die Bars von Levanto das Gerücht geistert, ein deutscher Tourist hätte doch tatsächlich behauptet, der Ausverkauf der Wildschwein-Salami hätte etwas mit den Wölfen bei Framura zu tun. Alle Achtung, haben die Signori anerkennend genickt, darauf muss man erst mal kommen.Bild: Ein ligurisches Wildschwein kurz vor der Transformation in eine Salami, wenn da nicht der ligurische Wolf wäre. (Quelle: Wikipedia, Autor:GerardM)</description>
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			<title>Der Heilige Fabrizio</title>
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				<description>Wenn man den steilen Treppenweg vom Meer heraufkommt, den kleinen Sportplatz passiert hat, taucht links am Ortsrand von Montaretto die „Casa del Popolo“ auf, die einzige ihrer Art in Italien. Ein Wallfahrtsort für jene Menschen, die hoffen, dass es noch ein anderes, zivilgesellschaftliches und solidarisches Italien geben muss. Unter mir glitzert das ligurische Meer wie Quecksilber. Es ist heiß. Ich klopfe mir den Staub aus dem azurblauen Anzug und betrete für einen Aperitif den wohltuenden Schatten der kleinen Bar. 

Sein Bild hängt links an der Wand neben dem Eingang zum Saal der „Casa del Popolo“. Das Bild ist nicht sonderlich groß, es ist leicht zu übersehen. Wenn man sich mit einem Glas Rotwein von der Theke abwendet, fühlt man sich direkt gesegnet, denn es zeigt einen leicht erschöpften, aber glücklich lächelnden Heiligen, der in Richtung Bar schaut. Wie ein Seemann, der nach endlosen Tagen auf See endlich in den Hafen einläuft. Küste der Wiederkehr. So wird die ligurische Küste auch genannt. „Den da hat mein Vater dort hingehängt“, erklärt mir die junge Frau hinter der Bar achselzuckend.  Der da, auf diesem Bild, ist der bekannteste Heilige dieser Küste und ziemlich betrunken. Ein ligurischer François Villon und vielleicht der größte Poet und Musiker, den Italien in den letzten 60 Jahren hervorgebracht hat. Faber. Oder mit bürgerlichem Namen Fabrizio Cristiano De André. Kultisch verehrt schon zu Lebzeiten.  

Der König der Cantautori, wie man die Liedermacher in Italien nennt. Glücklich ein jeder, der stolz eine Faber-Devotionalie vorzeigen kann, eine signierte Speisekarte, ein Mikrophonkabel, das der Meister einst berührte oder einen Lacksplitter seiner berühmten Esteva-Gitarre. Aber dieses kleine Foto in der „Casa del Popolo“ von Montaretto ist für mich etwas Besonderes. Nicht so sehr das Motiv als solches, denn der betrunkene De Andre ist ein bekannter Teil seiner Biografie. So wie auch die Huren im Hafen von Genua und der Dreck der Caruggi. 

Er war ein Poet der dunklen Gassen, denn die Kultur Liguriens ist vor allem eine Kultur der Steine, Mauern, Torbögen und Winkel. Das Leben in der  „Via del Campo“, früher das finstere Herz der Altstadt, der Kasbah des Nordens, war ihm, dem Bürgersohn, immer näher, als die feinen Salons der Stadt. 

Das Besondere ist vielmehr die Position, dort wo das Foto platziert wurde. Denn will man in den  Veranstaltungssaal der „Casa del Popolo“ gelangen, muss man den fröhlichen Zecher De André passieren, der nun plötzlich verschmitzt zu lächeln scheint. Und sogleich wird einem klar, warum. „Welch ein Glück ich hier mit meinem Plätzchen habe,“ kann man ihn flüstern hören, „schaut doch nur...!“ Denn dort an der Stirnwand, hängen sie alle, wie in einem Mausoleum, die Posterboys der italienischen Revolution. Und verstauben! 

Die Granden der ehemaligen Kommunistischen Partei Italiens: Palmiro Togliatti, Antonio Gramsci und Enrico Berlinguer. Mit Godfather H;#7891; Chí Minh in ihrer Mitte. Väterchen Lenin hängt ganz tief unten, wie der gefallene Erzengel Luzifer. Diese Heiligenreihe ist nichts für De André. Er hielt Jesus, obwohl er selbst Atheist und Linker war, für den größeren Revolutionär. Die Bewohner Montarettos sind aber alles andere als rückwärtsgewandte Hammer und Sichel-Nostalgiker. 

Mich erinnert die Ahnenreihe an seltsame, etwas zwielichtige Verwandte; man bringt es einfach nicht übers Herz, sie aus der Familienchronik zu streichen. Vielleicht hat aber auch bisher niemand die Zeit gefunden, sie dort zu abzuhängen. Denn die Montarettini sind sehr beschäftigte Menschen. Ständig muss etwas organisiert werden. Kongresse, Veranstaltungen, und die berühmten Feste, wie etwa das Festival der alternativen Weinkultur „Critical Vine“, das über Ostern stattfindet und den fantastischen Untertitel: „Köche, Artisten und Visionäre“ zum Programm erklärt. Die Gäste strömen aus allen Winkeln Italiens in das kleine Dorf, das dann vor Vitalität fast zu bersten droht.

Die Monterettini legen Wert auf ihre Autonomie und machen alles selbst. Die „Casa del Popolo“ haben sie gebaut, die neue Piazza und sogar die Zugangsstrasse, die von Bonassola herauf nach Montaretto führt, haben sie in einem unglaublichen Kraftakt selber fertig gestellt. Ein großes Wandgemälde am Ortseingang erinnert an diese historische Tat. Der Heilige Fabrizio, direkt daneben verewigt, nickt anerkennend. 

Fotos: Cinque Cento von Odile Arias (von ihr selbst fotografiert), CD-Covers von Piero Milesi

Die „Casa del Popolo“ ist einzigartig in Italien, so wie auch der Ort Montaretto einzigartig ist. Hoch über dem ligurischen Meer gelegen, ist der kleine Ort seit Jahrhunderten ein vitales Bespiel für ein Modell des solidarischen Zusammenlebens. Hier scheint der Traum vom historischen Kompromiss zwischen Christen und Kommunisten Gestalt angenommen zu haben. Statt sich ideologisch zu bekämpfen, trinkt man hier lieber mit dem Pfarrer ein Glas Rotwein und stellt fest, dass die jeweiligen Paradies-Vorstellungen gar nicht soweit auseinander liegen. 

Die deutschen Filmemacher Farhad Payar und Yasmin Khalifa haben mit ihrem  wunderbaren Dokumentarfilm “Zum Beispiel Montaretto“ einen sehr persönlichen und solidarischen Blick auf Montaretto und seine Bewohner geworfen. Der Film hatte Anfang 2011 in Berlin Premiere und ist ab April auch in der „Casa del Popolo“ als DVD erhältlich.

Die „Casa del Popolo“ kommt mir wie eine Art Arche Noah der italienischen Linken vor. Gleichzeitig aus der Zeit gefallen und doch aktiv im Hier und Heute. Ein Ort für junge und nicht mehr so junge Menschen, ein Ort zum Tanzen und Feiern, ein Ort, wo man die L’Unita liest und kommentiert und die Weltlage diskutiert, wie es so schön auf der Homepage des Dorfes erzählt wird. Mit charmantem Trotz  und List behaupten sich die Bewohner dort gegenüber den Anfeindungen der Welt. 

Wenn die Berlusconi-Sintflut weiter anschwillt und auch dieses letzte Refugium überspülen sollte, dann wird diese Arche eines Tages in See stechen. Ich bin sicher, der Heilige Fabrizio wird einen Platz in der Nähe der Ruderpinne erhalten, denn Poeten scheinen mir im Zweifelsfall die besseren Steuermänner als die Revolutionäre zu sein: „Und im Schiff aus Wein werden wir auf den Felsen auflaufen, Emigranten des Gelächters mit Nägeln in den Augen, bis der Morgen wächst, damit wir ihn einfangen können... (aus Creuza De Mä). Wenn es schief geht, kann man immerhin einen darauf trinken.---Informationen zum Ort MontarettoHintergründe zur Produktion des Films „Zum Beispiel Montaretto“ Eine umfangreiche private Seite informiert mehrsprachig über das Werk und Leben von
Fabrizio de André Vom 23. - 25. April 2011 findet in Montaretto ein Weinfestival statt, in dessen Rahmen auch der Film &quot;Zum Beispiel Montaretto&quot; gezeigt wird.---Bilder: Montaretto hoch über dem Meer, die &quot;Ahnengalerie&quot; und Montarettini am Feiern (Copyright: Gabriela Bonin)</description>
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